Nicht die anderen sind Schuld an eurer Altersarmut! *

Als wir 2018 mit unserem Finanzblog begonnen haben, wollten wir ganz normalen Durchschnittstypen Finanzwissen vermitteln. Die Idee war es dabei, Finanzbildung für jedermann zugänglich zu machen und so sicherzustellen, dass es die heutige Generation junger Menschen im Alter besser haben wird. Aber nichts da! Die traurige Wahrheit ist, dass die meisten jungen Menschen sich überhaupt nicht für ihre Finanzen interessieren. Das ist aus unserer Sicht besonders schade, denn gerade in jungen Jahren werden die Weichen für das spätere Leben gelegt. In seiner Artikelserie zum Thema Spiel des Lebens hat Raphael daher versucht einen typischen durchschnittlichen Lebensweg unter finanziellen Aspekten unter die Lupe zu nehmen. Für jede Lebensphase sind dort Tipps formuliert, die dazu beitragen können die eigenen Finanzen zu optimieren. Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, warum dieses wichtige Thema so wenig Beachtung findet. Die einzig plausible Antwort lautet Faulheit! Dass Faulheit nicht immer schlecht sein muss, könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Immer haben die anderen Schuld!

Wenn man bemerkt, dass es um die eigene finanzielle Situation nicht zum Besten steht, dann ist das Kind oft schon in den Brunnen gefallen. Wer sich nicht mit seinen Finanzen beschäftigt, der wird erst viel zu spät bemerken, wenn etwas in Schieflage geraten ist. Die Konsequenz daraus ist oft eine große Frustration und Schuldzuweisungen. Bei den Schuldzuweisungen sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Mal sind es gierige Finanzhaie, ein anderes Mal die unfähigen Politiker und manchmal einfach auch unsere verkommene Gesellschaft, die ins Visier der Kritiker rückt. Wer aber die Schuld für seine eigene Situation bei anderen sucht, der liegt oft daneben. Wenn man der Gesellschaft einen Vorwurf machen kann, dann den, dass Finanzbildung (z.B. in der Schule) komplett vernachlässigt wird.

Pfandflaschen sammeln im Alter ist nicht schön und muss auch nicht sein!

Natürlich gibt es immer wieder individuelle tragische Schicksale, in denen das Leben und äußere Umstände dafür sorgen, dass die finanzielle Situation angespannt ist. Für unsere Betrachtung gehen wir allerdings von einem ganz durchschnittlichem Menschen in Deutschland aus. Nennen wir ihn bezeichnenderweise Max Mustermann. Max hat ein monatliches Nettoeinkommen von 1.890€ (Quelle: Statista 2019). Die durchschnittlichen monatlichen Kosten eines Singles betragen in Deutschland aktuell ca. 1.629€ (Quelle: Sparkasse). In diesen Kosten enthalten sind u.a. Kosten für Wohnen, Energie, Transport, Kleidung, Nahrung und sogar Genussmittel. Es ergäbe sich also für den Durchschnittstypen eine Differenz von 261€ monatlich. Teilt man 261€ auf durchschnittlich 30 Tage pro Monat auf, so ergibt sich ein täglicher Überschuss von immerhin 8,7€. „Das ist ja fast nichts!“ werden nun einige sofort sagen. Würde man jedoch von dem überschüssigen Geld auch nur 150€ monatlich in einen breit gestreuten ETF investieren und das über einen Zeitraum von 30 Jahren, dann ergäbe sich dadurch eine Summe von schätzungsweise 150.000€. Wer diese 150.000€ dann im Alter weiter investiert lässt und lediglich jährlich 4% der Investitionssumme entnimmt, der hat sich eine nahezu unerschöpfliche Geldmaschine geschaffen. 4% von 150.000€ sind 6000€, was rein rechnerisch einem monatlichen Verdienst von 500€ entspricht. Aus 150€ monatlich während der aktiven Arbeitsphase kann gut und gerne eine Zusatzrente von 500€ monatlich im Alter entstehen.

Einige Personengruppen sind tatsächlich benachteiligt

Wer jetzt aufschreit und sagt, dass das mit Kindern nicht zu bewerkstelligen sei, dem sei gesagt, dass die Kostenstruktur einer vierköpfigen Familie pro Kopf gesehen sogar um einiges besser ist, als bei einem Single. Fairerweise muss hier aber erwähnt werden, dass eine vierköpfige Familie im Schnitt 3600€ pro Monat benötigt. Mit zwei durchschnittlichen Einkommen wird hier die Luft zum Sparen tatsächlich etwas dünner. Hier zeigt sich, dass Familien mit geringem bis durchschnittlichem Einkommen tendenziell anfälliger für Altersarmut sind. Hier wäre es möglicherweise sinnvoll durch gezielte staatliche Umverteilung insbesondere dieser Personengruppe unter die Arme zu greifen, beispielsweise durch Steuererleichterungen, Kindergeld und ähnliche Mechanismen.

Altersarmut kann jeden treffen!

Allzu oft betrifft Altersarmut aber nicht nur besonders gefährdete Gruppen, sondern auch diejenigen, die eigentlich genug Spielraum für die Altersvorsorge gehabt hätten. Also auch Besserverdiener sind dem Risiko der Altersarmut ausgesetzt. Wer sich ausschließlich auf die staatliche Vorsorge verlässt, den wird die „Rentenlücke“ womöglich eiskalt erwischen. Prognosen lassen vermuten, dass im Jahr 2030 das Rentenniveau bei ca. 43% liegen wird. Ein durchschnittlicher Rentner bekommt dann also 43% dessen, was ein durchschnittlicher Arbeitnehmer verdient. Bei dem oben genannten Wert von aktuell durchschnittlich 1.890€ monatlich, würde die Rentenzahlung entsprechend bei 812€ liegen. Ob diese Summe ausreichen würde, kann ja jeder gedanklich einmal durchspielen. Ich denke, dass eine mögliche „Zusatzrente“ von 500€ den meisten da ganz gelegen käme. Es ist allerdings so, dass selbst ein Arbeitnehmer, der heute 3000€ netto verdient und damit wohl schon als „Gutverdiener“ bezeichnet werden kann, dann „nur“ auf ungefähr 1.290€ staatliche Rente käme. Selbst dieser Wert liegt unter den zu erwartenden monatlichen Kosten von 1.629€, die inflationsbedingt wahrscheinlich in Zukunft nicht mehr ausreichen werden, um den Lebensstandard zu decken.

Gutverdiener könnten der Zukunft gelassen entgegen blicken – bei richtiger Vorsorge

Demjenigen, der sich schon während seiner aktiven Arbeitsphase am Existenzminimum bewegt, kann man wohl kaum einen großen Vorwurf machen, wenn er von Altersarmut bedroht wird. Wer jedoch deutlich mehr verdient, mit dem muss man auch nicht viel Mitleid haben. Ein Blick auf das Beispiel des „Gutverdieners“ reicht aus um das zu verdeutlichen. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass ein Gutverdiener die gleichen Kosten wie ein Durchschnittsverdiener aufweist, also als Single 1629€ monatlich. Jeden Monat würde der Gutverdiener also Überschüsse von bis zu 1371€ erwirtschaften. Würde der Gutverdiener von diesem üppigen Überschuss nur 500€ monatlich in einen guten ETF investieren und zwar 30 Jahre lang, dann ergäbe sich daraus ein erwartetes Vermögen von 381.547€. Wenn man auch hier die oben erwähnte 4%-Regel anwendet, dann ergäbe das einen Wert von 15.262€, die jährlich entnommen werden könnten. Das wiederum entspräche einer monatlichen Zusatzrente von 1.272€. Der Gutverdiener könnte also mit seiner staatlichen Rente und der zusätzlichen privaten Vorsorge ohne Probleme über monatlich 2.562€ verfügen. Er müsste damit im Alter keinerlei Einschränkungen hinnehmen, da ihm ja bereits heute auf Grund der monatlichen Sparrate effektiv „nur“ 2.500€ zur Verfügung stünden.

Keine Vorsorge – kein Mitleid!

Es mag vielleicht hart klingen, aber auf Grund des gerade erläuterten Beispiels hält sich mein Mitleid für Besserverdiener, die von Altersarmut betroffen sind, in Grenzen. Wer sein Geld für überflüssigen Luxus (z.B. zu teures Auto, zu teure Wohnung, zu teure Urlaube) verprasst, statt zumindest einen Teil davon langfristig für Vorsorgezwecke anzulegen, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer dann noch die Dreistigkeit besitzt, der Gesellschaft, den Politikern oder dem Sozialstaat die Schuld an seiner unglücklichen Situation zu geben, leidet an Realitätsverlust. Deutlich wird hingegen, dass das gegenwärtige Rentensystem besonders für Geringverdiener fast unausweichlich das Ticket in die Altersarmut bedeutet. Hier müsste dringend über Reformen des Rentensystems nachgedacht werden. Andere Länder wie die Schweiz oder Norwegen machen vor, wie es besser gehen kann. Das Fazit lautet daher, dass jeder, der es sich leisten kann, dringend privat vorsorgen sollte. Dann kann der Lebensabend auch ruhigen Gewissens genossen werden.

4 Gedanken zu „Nicht die anderen sind Schuld an eurer Altersarmut! *

  1. Darius Antworten

    Sehe ich genauso. Habe mich vor kurzem mit meiner Freundin bezüglich sparen, Rentenvorsorge Etc. Auseinander gesetzt. Wir sind beide 23, legen derzeit etwa 1200 – 1500 Euro an. Davon hat sie vor kurzen ihren ersten etf angelegt, da das „erste“ Werkstudenten Gehalt aufs Konto kam.

    • Dr. Paul Scheffler Autor des BeitragsAntworten

      Hallo Darius!

      Das finde ich sehr vorbildlich, dass ihr schon so jung anfangt mit dem Sparen. Wenn ihr das durchhaltet, dann müsst ihr euch im Alter sicher keine zu großen Sorgen machen 🙂 Wichtig ist nur, dass man das im Idealfall auch langfristig durchzieht.

      Viele Grüße & gute Rendite!

  2. Thomas Antworten

    Grds. stimme ich dem Artikel zu. Jeder muss etwas für seine Altersvorsorge tun. Das kann man nicht oft genug sagen.
    Aber:
    Bitte bei der zusätzlichen privaten Renten- / Vermögensberechnung die Inflation / Steuer nicht vergessen.
    Die 1.272,00 € Zusatzrente des Gutverdieners haben bei einer angenommenen Inflationsrate von 2 % in 30 Jahren nur noch eine Kaufkraft von 702,23 €. Darüber hinaus unterliegt dieser Betrag auch noch der 25%igen Abgeltungssteuer.
    Was nach Steuern einen Betrag von 526,67 € ergibt. Ein durchaus nettes Zubrot in der Rentenphase, ob es sich damit allerdings komplett sorgenfrei leben läßt, sei dahingestellt …….

    • Dr. Paul Scheffler Autor des BeitragsAntworten

      Hi Thomas! Danke für deinen Kommentar. Da hast du natürlich vollkommen recht! Inflationsbedingt sinkt mit der Zeit die Kaufkraft, das sollte im Idealfall mit bedacht werden. Auch die guten alten Steuern spielen natürlich eine Rolle, wobei der individuelle Steuersatz ja auch ein wenig variieren kann (z.B. auf Grund von Kirchenzugehörigkeit oder Personen, die einen Steuersatz von unter 25% haben). Aber auch da hast du vollkommen recht. Man muss bei der individuellen Planung beachten, dass es noch Abzüge gitbt.

      Viele Grüße & gute Rendite!

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