Alles halal oder was? Investieren nach islamischen Grundsätzen und was dabei zu beachten ist

Vor einigen Wochen ließ sich ein junger Mann von Raphael und mir zu den Themen Aktien und Börse coachen. Er hatte einen festen Job und konnte jeden Monat solide Überschüsse erwirtschaften. Nun suchte er nach Möglichkeiten, dieses überschüssige Einkommen sinnvoll zu investieren und wollte sich daher über Aktien informieren. Wir starteten also mit unserem üblichen Einsteiger Seminar und diskutierten die Themen:

  • Einschätzung der eigenen finanziellen Situation
  • Grundlagen gängiger Anlageformen
  • Anwendung in der Praxis

Im Laufe des Coachings zeigte sich, dass ein ETF-Sparplan für den jungen Mann eine interessante Option sein könnte. Er fragte uns nach einer ETF Empfehlung, woraufhin wir ihm entgegneten, dass wir grundsätzlich keine Empfehlungen aussprächen, sondern jeder Investor eigenverantwortlich Wertpapiere auswählen sollte. Auf wiederholte Nachfrage seinerseits sagten wir, dass viele Privatanleger sich für einen ETF auf den MSCI World entscheiden und gegebenenfalls noch einen „Emerging Markets“-ETF beimischen. Mit seiner Antwort hatten wir jedoch nicht gerechnet. Er sagte, dass er nicht so einfach in den MSCI World investieren könne, weil seine Religion das nicht zuließe. Langsam fingen wir an zu begreifen, worum es ging. Der junge Mann war zwar Deutscher Staatsangehöriger, seine Familie stammte jedoch ursprünglich aus Tunesien. Er war Moslem und hatte die Vermutung, dass eine Investition in den MSCI World nicht „halal“ sei, weil auch Unternehmen enthalten sein könnten, die aus seiner Sicht in ethisch fragwürdigen Branchen aktiv wären. An diese Fragestellung hatten wir bisher gar nicht gedacht und haben uns daher weiter mit der Thematik befasst.

Was bedeutet halal?

Neben rein religiösen Inhalten, gibt der Islam auch Richtlinien vor, die sich auf fast alle Lebensbereiche erstrecken. Das heißt, dass nicht nur die Beziehung zwischen dem Gläubigen und Gott geregelt ist, sondern beispielsweise auch gesellschaftliche und soziale Aspekte. Das Wort „halal“ bedeutet in diesem Zusammenhang einfach so viel wie „erlaubt“. Wenn etwas also „halal“ ist, dann kann es so interpretiert werden, dass es nach islamischer Auffassung regelkonform ist. Das Gegenteil von „halal“ wäre „haram“ – das Verbotene. Wer nun also religiös lebt, den beeinflussen die islamischen Regeln unter Umständen auch in seinen Finanzgeschäften. „Unter Umständen“ sage ich deshalb, weil es teilweise unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was nun halal oder haram ist. Betroffene Bereiche aus der Welt der Finanzen sind in der Regel:

  1. Zinsen (siehe „Riba“)
  2. Spekulation (siehe „Gharar“)
  3. Wetten & Glücksspiel (siehe „Quimar“ & „Maysir“
  4. Unethische Geschäfte (siehe „Haram“)
  5. Beteiligung an Gewinn und Verlust

Wie kann man investieren, ohne gegen religiöse Werte zu verstoßen?

Ich denke, dass bis hierhin bereits deutlich geworden sein sollte, dass es einige Dinge zu beachten gilt und manchmal gar nicht so einfach ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Genau aus diesem Grund, gibt es Finanzdienstleister, die sich darauf spezialisiert haben, „halal“ Investments anzubieten. Anders ausgedrückt: Es gibt Anlageprodukte, die versprechen, ausschließlich Islam-konforme Investitionen zu tätigen. Auch für Moslems gibt es also die Möglichkeit z.B. in den MSCI World zu investieren. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die Fondsgesellschaft aus dem Index die Aktien derjenigen Unternehmen entfernt, die (nach Ansicht von Religionsexperten) nicht halal sind. Der eigentliche MSCI World besteht aus über 1.600 Aktien, die in 23 Ländern beheimatet sind. Die Fonds der Produktgruppe iShares (gehören zum weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock) gibt es sowohl in der klassischen Variante (komplette Abbildung des MSCI World), als auch in der islamkonformen Variante.

Gibt es Unterschiede in der Performance?

Wenn wir beim Beispiel des MSCI World bleiben, dann dürfte die meisten Anleger interessieren, ob es zwischen der „normalen“ und der islamkonformen Variante Unterschiede bei der Rendite gibt. Dazu schauen wir uns am besten die Kurscharts der entsprechenden ETFs von iShares an (siehe Abbildung 1 & Abbildung 2). Dabei ist unbedingt zu beachten, dass nicht die absoluten Werte verglichen werden sollten (also die Werte auf der Y-Achse), sondern nur der Chartverlauf. Im direkten Vergleich wird ersichtlich, dass die Kursverläufe sich sehr stark ähneln. Bewegt sich der „originale“ MSCI World in eine bestimmte Richtung, dann gilt das auch für den islamischen MSCI World. Die grundsätzliche Ausrichtung scheint sich also kaum zu unterscheiden, obwohl sich im islamischen ETF lediglich knapp 500 Aktien befinden, statt 1600 Stück in der klassischen Variante. Es fällt allerdings auf, dass der Chartverlauf des islamischen ETF etwas volatiler wirkt, was angesichts der deutlich geringeren Anzahl abgebildeter Positionen aber nicht verwunderlich ist. Spannend ist auch der Blick auf die Performance der beiden ETF’s (siehe Abbildungen 3 & 4). In den Abbildungen bestätigt sich die Vermutung, die sich aus der Betrachtung des Chartverlaufs ergeben hat. Die grundsätzliche Performance beider Fonds ist durchaus vergleichbar. Im Detail zeigt sich jedoch, dass die Performance des islamischen MSCI World etwas schlechter ist, als die des originalen MSCI World.

 

Abbildung 1: Chartverlauf eines “klassischen” MSCI World ETF von iShares; Stand: 22.04.2020; Quelle: Comdirect

 

 

Abbildung 2: Chartverlauf eines “islamischen” MSCI World ETF von iShares; Stand: 22.04.2020; Quelle: Comdirect

 

Abbildung 3: Performance eines “klassischen” MSCI World ETF von iShares; Stand: 22.04.2020; Quelle: justETF

 

 

Abbildung 4: Performance eines “islamischen” MSCI World ETF von iShares; Stand: 22.04.2020; Quelle: justETF

Woher kommen die Performance Unterschiede?

Interessant ist die Frage nach der Ursache der unterschiedlichen Rendite beider Fonds. Zum einen liegt es natürlich daran, dass im islamischen MSCI World nur weniger als ein Drittel der Aktien vertreten sind, die eigentlich Bestandteil des MSCI World Index sind. Dies führt jedoch in erster Linie dazu, dass die erwartete Volatilität etwas höher ist, denn die Entwicklung einzelner Aktien fällt natürlich entsprechend stärker ins Gewicht. Anders ausgedrückt: Bei einer Zusammenstellung aus mehr als 1600 Aktien hat eine einzelne Aktie nur einen verschwindend geringen Einfluss auf die Performance. Besteht der Fonds jedoch nur aus 500 Aktien, ist die Entwicklung einer einzelnen Aktie statistisch gesehen dreimal so gewichtig. Zum anderen liegt die Vermutung nahe, dass insbesondere diejenigen Unternehmen, die nicht unbedingt als „halal“ einzustufen sind, oft überdurchschnittliche Gewinne abwerfen. Allein der Blick auf die jeweils 10 größten Positionen beider ETFs lässt erahnen, dass in der islamischen Variante einige Schwergewichte aussortiert worden sind (siehe Abbildung 5 & 6). Während im klassischen MSCI World vorranging Unternehmen aus den Bereichen Software, Internetkommerz, und Finanz vertreten sind, sieht dies in der halal Version ganz anders aus. Dort sind vorrangig Pharmaunternehmen und Konsumgüter vertreten. Insgesamt gibt es in den Top 10 Positionen beider ETFs nur 2 Übereinstimmungen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Performance dennoch relativ vergleichbar ist, hat mich dieser Umstand überrascht.

Abbildung 5: Die 10 größten Positionen im “klassischen” MSCI World ETF von iShares; Stand: 22.04.2020
Abbildung 6: Die 10 größten Positionen im “islamischen” MSCI World ETF von iShares; Stand: 22.04.2020

Ist es denn nun halal, wenn man in einen islamischen Fonds investiert?

Man könnte nun meinen, dass die Investition in einen islamischen ETF automatisch bedeutet, dass die Gewinne „halal“ sind. Dennoch müssen weitere Dinge beachtet werden. So kann es beispielsweise sein, dass ein ETF Dividenden an seine Anleger ausschüttet (oder diese wieder in den Fonds reinvestiert). Grundsätzlich ist das für die meisten Investoren eine erfreuliche Sache, allerdings gibt es da noch ein Problem: die Zinsen. Weiter oben in diesem Artikel haben wir schon gelernt, dass Zinsen nach islamischer Lehre kritisch sind. Dividenden sind selbst zwar keine Zinsen und daher eigentlich ok, aber man muss auf die Herkunft der Erträge achten. Dividenden sind nichts anderes, als eine Gewinnausschüttung an die Aktionäre. Wenn aber diese Gewinne auf Zinserträge zurückzuführen sind, dann sind sie vielleicht nicht mehr halal. Dann wird eine sogenannte Dividendenreinigung erforderlich. Das heißt, dass die Fondsgesellschaft die Anleger darüber informiert, welcher Teil der Dividende als rein bzw. als unrein angesehen wird. Es liegt dann in der Verantwortung des Anlegers, sich der unreinen Anteile zu entledigen. Dies kann beispielsweise durch Spenden an eine gemeinnützige Organisation geschehen.

Fazit: halal ETFs können eine attraktive Investitionsmöglichkeit darstellen

Lange Zeit war ich mir nicht der Problematik bewusst, der viele muslimische Anleger gegenüberstehen. Nicht jedes Unternehmen kann als „rein“ oder „halal“ im religiösen Sinne betrachtet werden und kommt für Investitionen in Frage. Beliebte Indizes, wie der MSCI World, der die Basis für viele ETFs bildet, beinhalten aber eben auch Aktien die nicht halal sind. Als Lösung für diese Zwickmühle gibt es aber auch ETFs, in denen die kritischen Unternehmen durch religiöse Gelehrte „aussortiert“ worden sind. In diesen Fonds sind dann also nur noch Unternehmen abgebildet, die als unbedenklich einzustufen sind. Nun kann man von Religion halten, was man möchte – das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke aber, dass halal bzw. islamische ETFs auch für Nicht-Muslime attraktiv sein können. Die Performance ist durchaus vergleichbar mit den klassischen Indexfonds. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass dort nur noch Unternehmen vertreten sind, die gewissen ethischen und moralischen Standards genügen. Gerade in der heutigen Zeit wird für viele Menschen das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger. Vielleicht könnte auch für diese Personengruppe ein Investment in solche Fonds interessant sein. Bei dem hier diskutierten islamischen Fonds handelt es sich übrigens um den „iShares MSCI World Islamic UCITS ETF“ mit der Wertpapierkennnummer A0NA46. Hinter dem Fonds steht die Firma BlackRock, die eine Kooperation mit dem Depotanbieter Trade Republic* hat. Bei Trade Republic* (und bei einigen anderen Depotanbietern auch) kann in den Fonds mit einem kostenlosen Sparplan investiert werden.

Kommentar verfassen